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Dem Himmel ein Stück entgegen

Bericht vom 3. Dezember der Dülmener Zeitung, Claudia Marcy / historische Fotos: Friedrich Dinter 

 

Als St. Viktor vor 60 Jahren wieder ein Turmdach bekam

 

Friedrich DinterDer Blick zum Kirchturm St. Viktor ist für Dülmener die selbstverständlichste Sache der Welt. Kaum vorstellbar daher, dass dieser Blick über 13 Jahre lang ins Leere ging, nachdem die Kirche in den letzten Kriegswochen 1945 zerstört worden war. Erst 1958 bekam St. Viktor ein neues Kirchturmdach. „Die Arbeiten für die Kirchturmspitze begannen im Frühjahr, im Oktober wurde Richtfest gefeiert, und die weiteren Arbeiten wie die Außenverschalung oder Abbau der Gerüste zog sich bis zum Frühjahr 1959 hin“, erzählt Friedrich Dinter.

Der Dülmener arbeitete damals als einer von acht Zimmerleuten unter der Leitung von Hubert Mengelkamp im Auftrag der Firma Kirschner in luftiger Höhe.

Dinter hat eine kleine Chronik erstellt, mit zahlreichen Fotos, die vom Fortgang der damaligen Arbeiten erzählen. Arbeiten, an denen die Dülmener regen Anteil nahmen. So rege, dass auch Gerüchte ins Kraut schossen. „Manchmal wurde erzählt, dass der Turm schief steht oder dass er oben so stark wackelt, dass sich die Zimmerleute krampfhaft festhalten oder anschnallen müssen“, erinnert sich Dinter schmunzelnd. Sogar die Dülmener Zeitung habe das Thema aufgegriffen und ein Foto von einem schiefen Turmdach St. Viktor gezeigt. Was natürlich ein Scherz war, denn Messungen hätten gezeigt, dass das Turmdach, immerhin stolze 40 Meter hoch, keinen Millimeter zur Seite abweicht, versichert Dinter.

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Er erinnert sich gerne an die Arbeiten. Denn auch wenn sie in luftiger Höhe stattfanden und nicht ungefährlich waren, bildeten die Zimmerleute eine starke Gemeinschaft, in der sich jeder hundertprozentig auf den anderen verlassen konnte.


Mittags brachten die Frauen ihren Männern das Essen nach oben. Auf das Podest aus Beton, mit dem der gemauerte Teil des Kirchturms abschloss und von dem aus die Turmhaube Stockwerk für Stockwerk in die Höhe wuchs. Das heißt: Nicht alle Frauen kamen hierher, denn der Aufstieg erforderte Trittsicherheit und Courage. Die ersten elf Meter führte eine enge Steintreppe im Turm nach oben, dann ging es auf einfachen Holzstiegen weitere 14 Meter in die Höhe, erzählt Dinter. Das letzte Stück wurde über eine acht Meter lange Holzleiter zurückgelegt. Durch eine Luke zwängte man sich nach draußen auf das Podest - mehr als 30 Meter über dem Dülmener Pflaster. Mit fantastischer Sicht über die Stadt, wie die Fotos in der Chronik von Friedrich Dinter zeigen. Er und seine Kollegen hatten in den Jahren des Wiederaufbaus etliche Aufträge wie den Bau des Turmdaches St. Viktor. Für die Dülmener, die die Arbeiten vom Boden aus verfolgten, war es hingegen ein einzigartiges Ereignis.



Zahlen und Namen
Turmdach: Es ist 40 Meter hoch. Die mit Holzdielen verschalte Turmhaube wurde mit Kupferplatten gedeckt. Dafür zuständig war die Dachdeckerwerkstatt Franz König.

Material: Für das Dach wurden 60 Kubikmeter Fichtenholz verarbeitet, als Dachverschalung 650 Quadratmeter gespundete Bretter. Zum Einrüsten waren 350 Meter Tragbalken notwendig, 400 Gerüstbohlen und 2000 Meter Bordbretter für die Schutzgeländer.

Plattform: Mit der zehn mal zehn Meter großen Betonplattform schließt der gemauerte Turm der Kirche St. Viktor ab. In ihr sind acht Stahlträger zur Befestigung der Konstruktion für das Dach verankert.

Richtarbeiten: Die Gratsparren (Eckbalken) haben eine Länge von acht Metern und reichen über zwei Geschosse.

Richtkolonne: Unter der Leitung von Hubert Mengelkamp arbeiteten die Zimmerleute Ludger Heeringa, Viktor Kuhmann, Johannes Roperz, Karl Wortmann, Heinrich Schlüter, Friedrich Dinter, Bruno Brambrink und Christian Koslowski.