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Wenn Vergangenheit zur Gegenwart wird

Bericht der Dülmener Zeitung von Claudia Marcy, Silvester-Neujahrausgabe / Foto: Kirchengemeinde St. Viktor

 

Archäologische FundeDie Hitze lähmt. Jede Bewegung, selbst das Denken fällt schwer. Die Vorstellungskraft braucht jetzt viel Zeit, um Bilder im Kopf entstehen zu lassen. 
Heiß ist es auf dem Gelände hinter dem Rathaus. Staubig. Schmutzig. Kein Schatten. Aufgerissene Erde. Dr. Gerard Jentgens stört das nicht. 

Mit ausholenden Schritten eilt der Archäologe über das Grundstück. Zeigt, erklärt, erläutert. Ein Energiebündel, dem das Wetter nichts anhaben kann – weder Sonne, wie in diesem Moment – noch Regen und Sturm wie Monate später, als er und sein Team immer noch graben, säubern, entdecken und schichtweise Dülmens Geschichte freilegen. 

Jetzt aber ist Sommer, ein heißer Julitag. Die Grabungen im ehemaligen Pfarrgarten hinter dem Rathaus haben erste Ergebnisse zutage gefördert. Dort ein gefliester Gang, Teil eines früheren Hausflurs. Diese alten Fliesen, erläutert der Archäologe, sind großformatiger als jene, die wir heute benutzen. Möglicherweise aus dem 17. Jahrhundert. Für einen Archäologen fast Gegenwart. Keine Zeit, die noch aufregende Geheimnisse birgt. Mit seinem Fachwissen kann Jentgens die Jahrhunderte durcheilen. Selbst die Jahrtausende. 

Man selbst hingegen: gefangen in der Gegenwart. Umgeben von den Ereignissen des Tages, der vergangenen Wochen, der vergangenen Monate. 

Ein Blick auf die Terracotta-Fliesen. Langsam, sehr langsam formt sich im Kopf ein Bild. Setzt sich aus den Eindrücken an diesem Sommertag und den Erklärungen des Fachmanns zusammen. 

Ein Flur. Ein Haus, im 15. oder 16. Jahundert gebaut, später leicht verändert, das bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stand. Sonnenlicht, das durch die geöffnete Haustür in den Flur fällt und die roten-braunen Fliesen zum Leuchten bringt. Kleinstädtische Ruhe im Schatten der Kirche. Idylle pur. 

Lichtjahre von jenen Märztagen 1945 entfernt, als diese Stadt in Flammen stand. Ein Inferno, von dem jene früheren Dülmener, die einst ganz selbstverständlich über diese Terracottafliesen eilten und ihren Alltagsgeschäften nachgingen, nichts ahnten. 

Der 70. Jahrestag der Bombardierung und fast vollständigen Zerstörung Dülmens war erst wenige Monate vor diesem heißen Julitag im strömenden Regen vor Rathaus und Kirche begangen worden. Unter den Gästen waren Zeitzeugen, die die Bilder der brennenden Stadt noch in sich tragen. An diesem heißen Tag im Sommer 2015 formen sich andere Bilder. Die nicht von den Schrecken des 20. Jahrhunderts, sondern der Bedächtigkeit des 18. Jahrhunderts erzählen. Gerard Jentgens und sein Grabungsteam, die im Auftrag des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe den Boden nach Zeitzeugnissen durchforsten – systematisch und mit Feingefühl – haben Funde gemacht. Im Container der Grabungsleitung, der unter Schatten spendenden Bäumen zwischen Rathaus und Kirche aufgestellt ist, holt der Archäologe aus dem Regal eine kleine Kiste hervor. Darin farbige Glasfläschchen. Funde aus dem Keller des Hauses, dessen Reste ich gerade betrachtet habe. Die fragilen Zeitzeugen sind von der Erde befreit, die lange an ihnen gehaftet hatte. Frisch gewaschen wirken sie. Beinahe jugendlich. Anmutig. Es ist, als zwinkerten sie mir neckisch zu. Vorstellungskraft und Fantasie haben sich in ihrer Gegenwart aus dem Korsett der Hitze befreit, breiten ihre Flügel aus. 

„Kann ich Ihnen das zeigen? Können Sie so etwas sehen?“, fragt Jentgens und holt eine weitere Kiste aus dem Regal. Zaudert einen Moment. Zeigt den Inhalt. Es ist der Teil eines menschlichen Schädels. Dichtes, blondes Haar daran. Es gehörte einer sehr jungen Frau. 

Die Archäologen graben nicht nur im alten Pfarrgarten, sondern auch auf dem Kirchplatz, dicht am Rathaus. 1809 wurde der Friedhof an der Kirche aufgegeben. Viele Skelette, vor allem von Kindern haben die Archäologen gefunden. Klar, dass auf dem Kirchplatz Menschen begraben sind. Aber dieser Fund hier – ich bin überrascht. Schüttele den Kopf. „Nein, ich möchte kein Foto davon machen“. Das Kistchen wandert ins Regal zurück. 

So viel könnte der Archäologe erzählen. Zu viel für einen einzigen DZ-Artikel. Ich denke an die Dülmenerin, deren Kopf ich gerade betrachtet habe, und die vor gut 200 Jahren begraben wurde. Wer war sie? War sie hübsch, die junge Frau mit dem dichten blonden Haar? Hatte sie ein schönes Leben? Warum ist sie so jung gestorben? 

Wir treten aus dem Büro-Container heraus. Die Gegenwart ist wieder da. Die Hitze. Die Gerüche und die Geräusche dieser Stadt. Die Menschen. Ein nachdenklicher Blick über den Kirchplatz, der Gegenwart und Vergangenheit trennt.